Wurzener Geschichts- und Altstadt-Verein

Herbstspaziergang durch Nemt

Der Wurzener Geschichts- und Altstadt-Verein hatte zu seinem jährlichen Stadtteilbesuch eingeladen und über 20 Geschichtsinteressierte waren der Einladung gefolgt, die meisten selbst aus Nemt. Interessieren sich die Wurzener nicht für ihren Stadtteil, 1993 war die Eingemeindung? Stadtchronist Wolfgang Ebert und das Nemter Urgestein Karl Wengler führten durch die Kirche und das Dorf. Ebert hatte aus dem Namen Nemt hergeleitet, dass man diese Ansiedlung, erstmals 1292 urkundlich erwähnt, mit „Dorf der Deutschen“ bezeichnen kann, weil in das frühere slavische Gebiet Siedler aus den westlichen Gebieten angesiedelt wurden. Heute ist scherzhaft der Name „Gänse-Nemt“ geläufiger, gab es doch früher zwei Anger mit Dorfteichen und gewiss eine großen Anzahl Gänse darauf! Kirche, Friedhof, Pfarrgut und der benachbarte Gasthof waren der einstige Dorfkern einer stabilen Dorfgemeinschaft. 1850 zählte das Dorf nach der Fronablösung 32 Bauernwirtschaften. Auf dem Friedhof sind einzelne generationsübergreifende Grabstellen noch heute mit „Gutsbesitzer“ oder „Bauer“ gekennzeichnet, Ausdruck eines Stolzes auf den freien bäuerlichen Berufsstand. Geblieben ist davon heute nur ein örtlicher Großbetrieb, der vielen Arbeit bietet. Mit Erstaunen hörten die Anwesenden die Aufzählung von Wolfgang Ebert: 1930 gab es in Nemt 2 Mühlen, 2 Gärtner, 2 Bäcker, 1 Fleischer, 3 Gasthäuser, 2 Händler, 1 Schneider, 1 Stellmacher, 1 Schmied und 1 Schuhmacher! Geblieben ist davon eine Gastwirtschaft, der „Anker“. In der Kirche zeigte Karl Wengler auf die besonderen alten Bilder, einst Ausmalungen der Decke, die heute die Empore schmücken. Die Kirche wurde vielmals umgebaut, so sind viele Stilrichtungen erkennbar, die Kanzel trägt Jugendstilcharakter, der einstige schmiedeeiserne Leuchter ist leider bei Renovierungen abhandengekommen.
Der Mühlbach prägt das Dorf, sein Wasser trieb einst zwei Mühlen an. Ebert berichtete, dass der Mühlbach eine sehr hohe Fließgeschwindigkeit hat, sein Gefälle beträgt auf vier Kilometer elf Höhenmeter, das ist gewaltig. Die alten Mühlengebäude stehen nicht mehr und an die Mühlgräben dazu erinnern sich nur die Älteren. Der bekannt Wurzener Maler Richard Püttner hat die Untermühle 1866 gezeichnet, Ebert brachte ein Foto dieser Aquarellzeichnung mit, die deutlich den damaligen Charakter der Ansiedlung widergibt.
Es war ein spannender Rundgang durch das Dorf, welches einst von vier Dorfkernen und einem Rundling geprägt wurden und wo vieles heute noch erkennbar ist.

Dr. Jürgen Schmidt

Bildtexte:

  • Karl Wengler mit Erläuterungen in der der Kirche
  • Wolfgang Ebert bei der Beschreibung des Standortes der Untermühle
  • Ein Bild der einstigen Deckenausmalung, hier „Simson flieht mit den Gefängnistoren“


Fotos: Schmidt